lernen aus der krise herausgeber

 

Sie haben im Frühjahr 2020 die Corona Deep Dive Learning Initiative #lernenausderkrise gegründet. Wie entstand die Idee, die Corona-bedingten Änderungen in österreichischen Unternehmen zu untersuchen?

Katharina Sigl: In einem der ersten ZOOM-Meetings im März 2020 hat die Sales- und Marketingmanagerin einer renommierten Hotelgruppe gemeint, dass sie eigentlich alles, was sie seit Beginn des Lockdowns erlebt hat, aufschreiben sollte, um später darauf zurückblicken und bewerten zu können. Kurz gesagt, um zu lernen. Dieser Sager hat mich nicht mehr losgelassen und wurde zur Initialzündung für diese Initiative.

Thomas Dorner:
In ersten Gesprächen mit Unternehmen haben wir schnell festgestellt, dass nur äußerst selten Learnings von vorangegangenen Krisen vorhanden waren. Auch aktuelle Krisenszenarien und -pläne haben oftmals gefehlt. Auch wenn diese Krise einzigartig und neu ist, so bietet jede Krise ein enormes Lernpotenzial. Das geht aber nur, wenn wir den Menschen zuhören und ihre Erkenntnisse festhalten und dokumentieren.

Margit Berner:
Damit die Learnings nicht verloren gehen und möglichst „frisch“ dokumentiert werden, haben wir uns zu Beginn für jeden Unternehmensbereich auf die Suche nach geeigneten FachexpertInnen gemacht. Diese haben dann über einen Zeitraum von zwei Monaten in mehr als 250 Einzelinterviews mit Führungskräften und ManagerInnen österreichischer Unternehmen deren individuelle Erkenntnisse festgehalten und daraus Handlungsempfehlungen abgeleitet.

Mit dem Startschuss des Projektes im Frühjahr haben Sie sehr rasch auf die aktuellen Entwicklungen reagiert. War Ihnen von Anfang an klar, dass diese Krise so weitreichende Folgen haben wird, die eine intensive Untersuchung bedürfen?

Katharina Sigl: Ja, die Rahmenbedingungen der Krise sind andere, wie die der letzten beiden. Auf eine Gesundheitskrise folgt oftmals eine Wirtschaftskrise und im schlimmsten Fall eine Bankenkrise. Die Epidemiologie des Virus konnten wir natürlich nicht vorhersehen – das scheint sogar für WissenschaftlerInnen noch immer eine Unbekannte zu sein.

Bei #lernenausderkrise handelt es sich um keine übliche, wissenschaftliche Studie. Was macht dieses Projekt so einzigartig? 

Thomas Dorner: Erstens die 25 FachexpertInnen, zweitens der 360-Grad-Blick auf alle Unternehmensbereiche und drittens der Zugang, Branchen- und Unternehmensgrößen-übergreifend in Interviews mit Fach- und Führungskräften zu gehen. 

Wichtig war uns einzig und allein, dass die Gespräche mit Personen von Unternehmen geführt wurden, die von der Krise entweder positiv oder negativ überrascht wurden. Das war nicht immer einfach, denn in vielen Branchen, wie beispielsweise in der Industrie, war zwar ein Druck des Marktes durch z.B. unterbrochene Lieferketten zu spüren, aber die Intensität der Betroffenheit, wie z.B. in der Gastronomie, war und ist eine andere. 

Für die Initiative konnten Sie zahlreiche, namhafte Partner aus der Wirtschaft gewinnen. Welche Resonanzen haben Sie für dieses Projekt erhalten? 

Margit Berner: Das stimmt zu 100%. Die Idee, aber vor allem unser Engagement und Mut hat viele Partner überzeugt, an Bord der Initiative zu kommen. Sowohl Medien- und Verbandspartner als auch Sponsoren gefällt, dass wir mit unserer Initiative die Wirtschaft wieder in Schwung bringen wollen. Unser Ziel ist und bleibt, die Learnings aus der Krise niederschwellig an Unternehmen zurückzugeben, damit wir alle für kommende Krisen besser gerüstet sind. Stichwort: Resilienz. 

Ende Februar erscheint das Arbeitsbuch „Lernen aus der Krise“, das die gewonnenen Erkenntnisse als 360-Grad-Blick über das Unternehmen zusammenfasst. Wobei kann dieses Arbeitsbuch österreichische KMU konkret unterstützen? 

Katharina Sigl: Das Buch, wie Sie schon richtig gesagt haben, versteht sich als Arbeitsbuch. Nach jedem Fachkapitel finden LeserInnen einen Reflexions- und Arbeitsbereich, um über eigene Erfahrungen, die sie in der Krise gemacht haben, nachzudenken und diese zu dokumentieren. Das stellt sozusagen den ersten Schritt dar, um zu erkennen, wo man als Unternehmen aktuell steht. 

Das Modell, das wir durch die qualitativen Interviews entwickeln konnten, das die vier Unternehmenstypen in der Krise widerspiegelt, hilft dabei. Entweder um in eine neue Bewegung zu kommen oder um sich neue Ziele zu setzen. Uns ist der Blick nach vorne ganz besonders wichtig. 

Thomas Dorner: Die Krise zeigt sich nicht nur als Auslöser, sondern vielmehr als Beschleuniger für Veränderung innerhalb von Unternehmen. Die im Buch beschriebenen Praxisbeispiele veranschaulichen, wie Führungskräfte unterschiedlicher Branchen und Unternehmensgrößen mit diesen Veränderungen umgegangen sind. 

Die aus den 250 Interviews mit Fach- und Führungskräften erarbeiteten Checklisten und Modelle laden alle LeserInnen dazu ein, jetzt für sich und das Unternehmen die richtigen Fragen zu stellen, um für die zukünftigen Herausforderungen bestens gerüstet zu sein. Es gilt, vom Reden ins Tun zu kommen. 

Was haben Sie persönlich aus dieser Krise gelernt? Was ist Ihr bester Tipp, den Sie Unternehmern mitgeben möchten? 

Katharina Sigl: Sammeln Sie jeden Tag 10 neue Ideen, checken Sie diese Ideen in Gesprächen auf ein mögliches neues Geschäftspotenzial und suchen Sie sich Menschen in oder auch außerhalb Ihres Unternehmens, die bereit sind, gemeinsam und mutig neue Produkte, Dienstleistungen zu entwickeln oder auch neue Vertriebswege zu gehen. 

Thomas Dorner: Starten Sie jetzt, die imaginären Mauern zwischen den einzelnen Abteilungen abzubauen. Fördern Sie aktiv die Zusammenarbeit im Unternehmen und stärken Sie täglich den Wir-Gedanken. Die zukünftigen Herausforderungen werden sich nur gemeinsam bewältigen lassen. Nutzen Sie deshalb das gesamte Potenzial Ihres Unternehmens, welches sich in jedem Mitarbeiter und jeder Mitarbeiterin widerspiegelt. 

Margit Berner: Bleiben Sie in Krisenzeiten mit allen Stakeholdern – also Kunden, Lieferanten, Mitarbeitern etc. – in regelmäßigem Austausch. Gerade dann, wenn man wenig oder gar keine Möglichkeit hat, Kunden, Mitarbeiter oder Partner persönlich zu treffen, sollte man darauf achten, Kontakt zu halten, aktiv zu kommunizieren und so Vertrauen aufbauen bzw. stärken. Seien Sie in Ihrer Kommunikation ehrlich und sprechen Sie die Dinge beim Namen an. Ihr Gegenüber wird es Ihnen danken. 

Und last but not least: Was haben Sie als Nächstes mit #lernenausderkrise geplant? Geben Sie uns einen kleinen Vorgeschmack auf die nächsten Schritte! 

Katharina Sigl: Wir werden mehrere interdisziplinäre Learning-Sessions, zum Beispiel zum Thema Innovation und Digitalisierung, im kleineren Rahmen veranstalten. Im Vordergrund steht dabei, die Learnings der Initiative weiterzugeben und mit aktuellen Themen der jeweiligen Fachbereiche zu verbinden. 

Abgesehen davon befindet sich das kommende Buchprojekt bereits in der konzeptionellen Pipeline. So viel sei schon verraten: Wir werden uns einem brisanten Thema widmen, das die Brücke zwischen Generationen und Unternehmen schlagen und einen Blick auf den Arbeitsmarkt werfen wird. 

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