Robert Frasch

Robert Frasch ist Inhaber der bottom UP development e.U., Gründer des unabhängigen Netzwerks www.lehrlingspower.at sowie Chefredakteur des Fachportals www.ausbilden.co.at. In all seinen Projekten geht es um die Positionierung der dualen Berufsausbildung und die Vermittlung des dazu notwendigen Fachwissens. Außerdem ist er Herausgeber des Forum-Klassikers Lehrlingsausbildung in der Praxis.

Mitten im zweiten Jahr der COVID-19-Pandemie zeigt Robert Frasch auf, wo neue, aber auch altbekannte Herausforderungen für die Lehrlingsausbildung liegen und welche Maßnahmen diesen Problemen entgegengesetzt werden können.

Forum: Im Gegensatz zur Allgemeinausbildung schwingt in der Lehrlingsausbildung immer ein gewisser Praxisbezug mit, der durch Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen möglicherweise über den bisherigen Verlauf der Pandemie nicht immer hergestellt werden konnte. Wo sehen Sie hier Herausforderungen und wo Potenzial für Verbesserung?

Frasch: Die praktische Ausbildung hat in vielen Unternehmen weit besser funktioniert, als anzunehmen gewesen wäre. Ausbilder waren immer schon für ihre Flexibilität und ihren Einfallsreichtum bekannt. Viele von ihnen müssen ja auch in „normalen“ Zeiten mit niedrigen Budgets und herausfordernden Rahmenbedingungen umgehen.

Forum: Gibt es Beispiele, wo die Ausbildung besser als erwartet funktioniert hat?

Frasch: Ja, es gab zum Beispiel Köche, die überlegt haben, was man in einer normalen Haushaltsküche kochen kann. Die Lehrlinge haben dann via Mobiltelefon/Webcam gemeinsam mit ihren Ausbildern gekocht. Und viele Unternehmen hatten die Vorschriften sehr rasch umgesetzt und so dafür gesorgt, dass der so wichtige Praxisanteil in der Berufsausbildung weitergegeben war.

Forum: Gibt es bürokratische Hürden in der Lehrlingsausbildung, auf die sie besonders aufmerksam machen wollen? Und blieben diese durch die Krise weitgehend gleich hoch, oder wirkte auch hier Corona schlechterdings wie ein Vergrößerungsglas?

Frasch: Die größte bürokratische Hürde ist und bleibt der Föderalismus. So gut dieser in vielen Bereichen auch ist, wenn Unternehmen, die österreichweit ausbilden, in 9 Bundesländern mindestens ebenso viele unterschiedliche Fördervoraussetzungen vorfinden, wird es mühsam. Und nach wie vor haben wir das Problem der aufgeteilten Zuständigkeiten. Die Anforderungen der Unternehmen werden vom Wirtschaftsministerium vertreten, die der Berufsschule vom Unterrichtsministerium.

Forum: Das Unterrichtsministerium gilt aber als sehr engagiert, ja übereifrig sogar….

Frasch: Das stimmt. Aber dort sind die Berufsschulen schon aufgrund ihrer geringeren Anzahl nicht wirklich im Fokus. Das hat man in der Pandemiezeit gemerkt, indem es für die Berufsschulen noch viel schwieriger als für alle anderen war, das Homeschooling umzusetzen. Hier braucht es dringend den politischen Mut, die Gesamtverantwortung in eine Hand zu bringen. Vielleicht in der Form eines Staatssekretärs für Berufsausbildung, wo alle Interessen zusammenlaufen und koordiniert werden können.

Forum: Lehrlingsmangel wird heiß diskutiert. Woran liegt er wirklich? Ist Corona hier nur eine faule Ausrede, oder geht es mehr um einen durch Corona entstandenen Irrglauben von momentan ungünstigen Bedingungen von Lehrlingen?

Frasch: Der Lehrlingsmangel hat mit Corona überhaupt nichts zu tun und es besteht die Gefahr, dass Corona jetzt als „günstige“ Ausrede herhalten muss. Die Problematik war schon vorher vorhanden und hat sich höchstens noch etwas verschärft. Zum Beispiel durch die automatische Versetzung von Schülern mit Nicht genügend, wodurch eine große Zahl an Schulabgängern wegfällt. Grundsätzlich liegt die Thematik daran, dass wir es nicht schaffen, die Eltern zu erreichen.

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Forum: Die Eltern?

Frasch: Ja. Deren Vorstellungen von der Berufswelt werden immer noch geprägt vom Glauben an den Akademikermangel und die dadurch tollen Berufschancen für ihre Kinder. Das führt dazu, dass man seine Kinder lieber irgendetwas studieren lässt, anstatt sie in einen Beruf zu schicken. Teilweise sind diese Entscheidungen völlig losgelöst von Eignungen und Vorlieben der Kinder. Die Erkenntnis, dass ein schlechtes Abschlusszeugnis einer Schule doch nichts bringt, kommt sehr oft zu spät.

Forum: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle von Unternehmen?

Frasch: Ja, in dieser Thematik spielen auch die Unternehmen selbst eine große Rolle. Denn oft betonen alle bei Veranstaltungen, wo es um die Lehre geht, wie wichtig ihnen diese ist. Kein Wunder, denn dort sind ja meist die Ausbilderinnen und Ausbilder. Im realen Alltag kommen Lehrlinge dann aber oft nur am Rande oder gar nicht vor, es gibt kaum sichtbare Beispiele von gelungenen Karrieren auf Basis einer Lehre und so gut wie keine öffentlich wahrnehmbare Aussagen von Top-Führungskräften zur strategischen Bedeutung von selbst ausgebildeten Fachkräften.

Forum: Und wie können Betriebe, die derzeit tatsächlich einen Lehrlingsmangel erleiden bestmöglich für ihr Unternehmen werben?

Frasch: Indem sie eben aufzeigen, welche realen Möglichkeiten ihre Lehrlinge nach der Lehre im Unternehmen vorfinden. Welche Mitarbeiter haben mit einer Lehre begonnen, welche Karrierewege gibt es nach der Lehre, was wird den jungen Mitarbeitern nach ihrem ersten Schritt geboten? Es wäre auch ganz wichtig, die vielen guten Ausbilderinnen und Ausbilder für die Eltern erlebbar zu machen. Schließlich wollen alle Eltern, dass jemand sich um ihr Kind annimmt, und das können Ausbilder schon naturgemäß weit besser als Lehrer.

Forum: Gerade in der Corona-Zeit haben viele Eltern wenig Freude mit den Lehrern gehabt.

Frasch: Mag sein, aber das soll kein Lehrerbashing sein, sondern es ist nur ein Faktum, das man sich um 10 Lehrlinge besser kümmern kann als um 100 Schüler. Hinzu kommt, dass man in diese 10 Lehrlinge viel Geld investiert und sie als Fachkräfte braucht.

Forum: Welche Maßnahmen wären sinnvoll als Anreiz für Betriebe, wieder mehr Lehrlinge aufzunehmen. Gibt es etwa besondere Förderungen für die Lehrlingsausbildung im Zusammenhang mit der Corona-Krise, auf die Sie gerne hinweisen wollen?

Frasch: Maßnahmen müssen zielgerichtet für jene sein, die sie auch wirklich brauchen. Ich würde mir wünschen, dass man jenen Unternehmen einen Bonus gibt, die zusätzliche Lehrlinge aufnehmen.

Forum: Wie kann man sich das vorstellen?

Frasch: Also zum Beispiel Betriebe, die 2022 15 anstatt 10 Lehrlinge aufnehmen. Für die 5 zusätzlichen sollten sie dann durchaus namhafte Förderungen erhalten. In Branchen wie dem Tourismus müsste man dafür sorgen, dass nicht ein ganzes Lehrjahr verloren geht. Aber hier werden viele Betriebe einfach wirtschaftlich nicht anders können, als ihre Ausbildung im schlimmsten Fall zu pausieren.

Forum: Welche Maßnahmen schlagen Sie noch vor?

Frasch: Wichtiger als alle Förderungen für die Unternehmen wären funktionierende Maßnahmen, um endlich die seit vielen Jahren nicht funktionierende Berufsorientierung zu verbessern. Gute Beispiele gibt es genug, diese müssten dringend auf ganz Österreich ausgeweitet werden und dafür braucht es Mittel.

Forum: Die Eurothermen in Oberösterreich setzen seit Neuestem in der Lehrlingsausbildung auch auf die Zusatzausbildung Social Media Management. Setzt man gerade in der Krise auf neue Kommunikationswege, um Zielgruppen erreichbarer zu machen? Not macht erfinderisch, oder öffnet sie nur die Augen für die Zukunft?

Frasch: Um die Jugendlichen zu begeistern, helfen solche Zusatzmodule und neue Lehrberufe natürlich. Nur landen wir am Ende des Tages immer bei den Eltern, die den Lehrvertrag unterschreiben müssen.

Forum: Also doch wieder die Eltern und die Bewusstseinsbildung...

Frasch: Wie viele aus der Generation 45+ wissen, was Social Media Management ist? Wer kann sich unter den neuen Berufsbezeichnungen wie Fahrrad-Mechatroniker etwas vorstellen? Marketing allein löst das Problem nicht, wenn der Kunde das „Produkt“ und dessen Anwendung nicht versteht.

Forum: Die Krise ist noch nicht vorbei, trotzdem hegen viele die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zur alten Normalität. Halten Sie das im Zusammenhang mit Lehrlingsausbildung für realistisch? Welche Spuren hat Corona dort hinterlassen und wie gravierend sind diese?

Frasch: Ich hoffe nicht, dass wir eins zu eins wieder zur alten Normalität zurückkehren. Denn die hat ja bei weitem nicht so toll funktioniert, wie wir glauben möchten. „Früher war alles besser“ klingt super, nur wer von uns will tatsächlich im Mittelalter leben? Ich hoffe, dass viele der aus der Not heraus entstandenen Lösungen Bestand haben.

Forum: Welche zum Beispiel?

Frasch: Beispielsweise das Erstgespräch mit sich bewerbenden Jugendlichen via Smartphone Video. Binnen 5 Minuten können Betriebe so feststellen, ob ein Bewerber als Mensch passt, und das jenseits aller Noten, die bei weitem nicht jene Aussagekraft haben, die wir ihnen immer zuschreiben.

Forum: Jeder Mensch will, dass seine Arbeit auch wertgeschätzt wird. Wie kann den heutigen und zukünftigen Lehrlingen am besten vermittelt werden, dass ihr Beitrag wertvoll, und die Allgemeinheit auf ihre Leistungen angewiesen ist?

Frasch: Indem man ihre Leistungen und die ihrer Ausbilder öffentlich sichtbar macht. In Liechtenstein gibt es das Goldene Buch der Berufsausbildung. In das werden unter Beisein des Fürsten jene Lehrlinge eingetragen, die alle Lehrjahre mit Vorzug absolviert haben. Danach gibt es ein Galadinner für die Lehrlinge und deren Eltern mit dem Fürsten im Schloss. Was diese Eltern wohl über eine Lehre erzählen werden?

Forum: Gibt es so etwas Ähnliches auch in Österreich?

Frasch: Wir haben im Herbst die Euro Skills in Graz und bisher ist kaum etwas davon zu sehen. Wenn wir es nicht schaffen, die Europameisterschaften der Berufe – bei denen Österreich immer zu den TOP-Nationen zählt – sichtbar zu machen, brauchen wir uns über ein schlechtes Image der Lehre nicht zu wundern.

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