„Projektmanager*innen sind es gewohnt, flexibel und dynamisch zu agieren. Damit sind sie auch begehrte Krisenmanager*innen.“ , sagt Brigitte Schaden, Expertin für Projektmanagement, Präsidentin von Projekt Management Austria (pma).

#lernenausderkrise ist Österreichs erste Corona Deep Dive Learning Initiative über die Auswirkungen der Corona-Krise auf Unternehmen. Was hat Sie dazu bewogen, bei dem Projekt mitzuwirken? 

Brigitte Schaden: Jede Krise bedingt Veränderung. Und mit Veränderungen und Komplexitäten konstruktiv umzugehen, liegt im Wesen von Projektmanagement. Diese Sichtweise wollte ich gerne einbringen.

Unterschiedliche Branchen sind auch unterschiedlich stark von der Krise betroffen: Welche Stimmung konnten Sie bei Ihren Interviews wahrnehmen?

Brigitte Schaden: Eine sehr unterschiedliche, wirklich von der Branche abhängig. In den Organisationen, die von der Krise profitieren: sehr intensive Arbeitssituationen, viele Mehrstunden, aber generell eine gute Stimmung, weil das Gefühl vorhanden ist, gebraucht zu werden und gute Leistungen erbringen zu können.
Bei den Organisationen, die unter der Krise leiden, weil ein Großteil des Geschäfts weggebrochen ist: viel Unsicherheit, die Frage, was nach der Kurzarbeit kommen wird, und wie gut und wie schnell es gelingen wird, neue Geschäftsmodelle aufzubauen.

Insbesondere der erste Lockdown im März stellte Unternehmen vor große Herausforderungen, Flexibilität und Innovation waren die großen Schlagworte. Wie kamen die von Ihnen befragten Unternehmen mit diesen Punkten zurecht?

Brigitte Schaden: Die ersten Tage im Lockdown waren geprägt von höchster Verunsicherung. Rasches, unaufgeregtes Handeln war gefragt. Projektmanager, etwa im IT-Bereich, mussten in manchen Organisationen erst Remote-Lösungen für das Homeoffice schaffen.

Je nach Branche waren Projekte durch Auftragsverzögerungen, oder z.B. im Gesundheits- und Pharmabereich durch Auftragsspitzen, betroffen. Neue Business-Modelle mussten rasch aufgesetzt werden.

Es hat sich gezeigt, dass Organisationen, die bereits vor COVID-19 eine gute Risikostreuung in ihren Projektportfolios hatten, deutlich besser durch die Krise kommen als jene, die eher homogen unterwegs sind. Weiters haben sich alle Organisationen leichter getan, die schon vor Corona Homeoffice etabliert hatten als die, die erst neue Strukturen aufbauen mussten.

Da Projektmanager gewohnt sind mit (permanenten) Veränderungen umzugehen, haben sich Projekte auch leichter mit Innovationen, Kreativität und Flexibilität getan, als manche anderen Organisationsformen.

Gibt es eine außergewöhnliche Geschichte aus der Praxis, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist und die Sie mit uns teilen können?

Brigitte Schaden:  2 Sachen sind mir untergekommen, beide unkompliziert, schnell realisierbar, effektiv und effizient.

  1. Durch Corona und die weggefallene Reisemöglichkeit konnte ein Anlageprojekt nicht vom Kunden abgenommen werden. Kurzfristig wurde aber ein (vom Kunden gesteuerter) Handy-Rundgang organisiert, der es dem Kunden möglich machte, alles zu sehen und zu testen was für die Abnahme relevant war.
  2. In einer Organisation wurde schnell erkannt, dass es besonders für Mitarbeiter im Homeoffice wichtig ist, den Sozialkontakt zu Kollegen aufrechtzuerhalten. Da wurden kurzfristig wöchentliche gemeinsame Veranstaltungen „im Netz“ organisiert. Sie reichten-von Quiz Spielen über Sportwettbewerbe (Hochladen der Schritte oder Kilometer von Sportuhren) bis zu gemeinsamen Kocherlebnissen.

Mit der Initiative soll auch eine gegenseitige Unterstützung geschaffen werden – Unternehmen teilen ihre Erfahrungen, damit auch andere davon lernen können. Haben Sie den Eindruck, die Wirtschaft ist durch die Krise näher zusammengerückt?

Brigitte Schaden: Die Krise hat uns bewusst gemacht, wie wechselseitig abhängig die Wirtschaftsbereiche sind, etwa wenn wir an Lieferketten denken. Und auch, welche Branchen und Berufsgruppen systemrelevant sind. Das hat auch im Projektmanagement enorme Kraftanstrengungen abverlangt. In der Logistik, im Gesundheitsbereich, in der IT, in der Kommunikation, um nur einige zu nennen. Denken Sie zum Beispiel daran, wie in kürzester Zeit Teststraßen in ganz Österreich ausgerollt wurden. Aber ein näheres Zusammenrücken im Sinne der Solidarität, daran glaube ich leider nicht.

Was macht die Erkenntnisse, die Sie bei Ihren Interviews gewinnen konnten, auch für andere Krisen so nützlich?

Brigitte Schaden: Leadership, Diversität, Fachwissen und hohe Social Skills sind gefragt. Wo Menschen unterschiedliche Professionen und Erfahrungen einbringen, profitiert das gesamte System. Wichtig ist es, diese Teams gut zu managen – und das ist ebenfalls eine wichtige Kompetenz. Auf gut ausgebildete Projektmanager kann meiner Ansicht nach kein Unternehmen mehr verzichten.

Warum sollte das Arbeitsbuch „Lernen aus der Krise“ Ihrer Meinung nach in keinem österreichischen Unternehmen fehlen?

Brigitte Schaden: Krisen zu bewältigen und sie als Chance zu begreifen und nicht in einer Weltuntergangsstimmung zu verharren, gehört zu unserem Leben. Privat genauso wie beruflich. Gerade jetzt sind wir als Menschen aufgerufen, zu reflektieren, was uns wirklich wichtig ist und das zu tun, was wir am besten können: neugierig sein und Neues ausprobieren. Mit Kreativität, Humor und Zuversicht. Dann brauchen wir uns vor der Zukunft nicht zu fürchten.

 

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